Ängstliche und depressive Menschen fühlen sich alleine gelassen

Tagebuch einer ängstlichen Person vor und während der Corona-Pandemie

von Laura Bongard

Triggerwarnung: Der folgende Artikel behandelt die Themen Angststörung, Depressionen und psychische Gesundheit. Am Ende des Artikels sind Hilferessourcen bei psychischen Problemen aufgelistet

Wer bis 2020 keine Erfahrungen mit psychischen Problemen hatte, wurde dieses Jahr ordentlich auf die Probe gestellt. Für viele Menschen sind Ängste und Depressionen bereits Alltag. Wie das Leben mit Angst- und depressiver Störung vor und während der Corona-Pandemie aussehen kann, zeigen folgende Tagebucheinträge. 

Die beschriebenen Erlebnisse und Gefühle gelten nicht für alle Personen mit Depressionen/Angststörungen, sondern beziehen sich ausschließlich auf die Emotionen dieser Person in bestimmten Situationen.

08.10.2019: Hab’s heute nicht geschafft, mein Zimmer zu verlassen, habe Angst, dass Gespräche mit meinen Mitbewohnern unangenehm sind und sie dann denken, ich sei komisch und abartig. Habe nicht genug gegessen. Habe Kopfschmerzen. Ich weiß nicht, wie ich da rauskomme. Ich mag mich heute nicht, ich bin es nicht wert, fühle mich so einsam wie noch nie.

29.11.2019: Heute war durchwachsen. War so unglaublich müde, obwohl ich zwölf Stunden geschlafen habe. Hatte den ganzen Morgen Panik, dass mich die anderen in der Vorlesung anstarren und dass ich mich blamieren könnte. Wenigstens habe ich die dumme Präsentation endlich hinter mich gebracht. Hatte ein paar kleinere Angstattacken aber ich lebe noch. War danach mit einer Freundin Tee trinken. Dann war alles wieder okay. Verrückt wie sehr ich Angst vor sozialen Kontakten habe, aber sobald ich mich durchringen kann, mich mit jemandem zu treffen, den ich kenne, fühle ich mich ausgeglichener. Ich würde gerne jemandem von meiner Dunkelheit erzählen. Glaube eine Therapie könnte mir helfen. Ich halte das nicht mehr lange aus.

03.12.2019: Hatte keinen guten Tag. Habe Angst meine Hausarbeit nicht fertig zu bekommen. War eigentlich mit einer Freundin zum Essen verabredet. Als sie nicht kam, habe ich ihr geschrieben, wo sie bleibt, sie meinte, sie würde lieber mit ihrem Freund ins Kino gehen. Fühle mich, als ob ich nicht genug wäre. Meine Neurodermitis ist zurück, alles juckt.

11.12.2019: War beim Frisör. Angst-Dissoziation? Hatte so sehr Panik, dass ich Gedächtnislücken habe, weiß nicht mehr was passiert ist, nachdem ich in den Salon bin. Das Nächste woran ich mich erinnere, ist im Frisörstuhl sitzen, mit nassen Haaren, alles schien normal, der Frisör hat nichts bemerkt oder sich nichts anmerken lassen. Macht mir extrem Angst, dass ich mich nicht mehr auf mein Gedächtnis verlassen kann. 

04.01.2020: Wollte heute eigentlich nach `nem Job suchen aber alleine der Gedanke daran, abgelehnt zu werden/nichts zu finden, lähmt mich. Will nicht mehr existieren. Habe bisschen mit einem Kumpel geschrieben. Hatte das Gefühl, dass ich ihn nur nerve.

27.01.2020: Hab meine Diagnose: Angst- und depressive Störung. Endlich hat es eine Kontur. Meine Therapeutin hat mir ein Antidepressivum empfohlen. Außerdem soll ich in eine Selbsthilfegruppe gehen.

Eine Diagnose und die richtigen Medikamente können der erste Schritt zur Besserung sein und Hoffnung geben. (Unsplash: Marc-Olivier Jodoin)

15.03.2020: Mir geht’s echt besser. Mein Medikament schlägt an. Habe Yoga und einen Spaziergang gemacht, einen Film geschaut und ein bisschen an meiner Thesis gearbeitet. Endlich. Ich muss einfach aufhören, alles 1872083-mal zu überdenken. Corona macht mir Angst. Morgen schließt Deutschland die Grenzen. Fühle mich aber verbunden mit Leuten, die ich nur auf der Straße sehe. Alle haben Angst, ich bin nicht allein damit.

16.03.2020: Meine Therapeutin hat heute zu mir gemeint, dass sie mir nicht mehr weiterhelfen kann, weil mein Hauptproblem mein Minderwertigkeitsgefühl sei und nur ich das fixen kann. Die Welt hat mich mit Corona-Panik angesteckt, die Videos aus Italien mit Corona machen mich panisch. Hatte eine Existenzkrise und lag 20 Minuten einfach auf dem Boden.

26.04.2020: Guter Tag: Habe meditiert und Yoga gemacht, hat mich entspannt. War recht viel in der Sonne und hab an meiner Thesis weitergeschrieben. Habe Sauerteigbrot gebacken und war mit meinen Eltern spazieren. Bin heute zufrieden mit mir.

17.05.2020: War heute recht entspannt, Spaziergang in der Sonne. Habe auch mit meinem Cousin telefoniert, tat gut. Fühle mich trotzdem bisschen einsam. Yoga hat auch gut getan. Bin jetzt echt müde, körperlich, nicht geistig, zum Glück. Vermisse abends Freunde zu sehen. Das ich das mal sage, wer bin ich?

Wichtiger Hinweis für Betroffene:Leidest du unter Depressionen, hast du Selbstmordgedanken oder kennst du jemanden, der solche schon einmal geäußert hat? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen (https://www.suizidprophylaxe.de/) findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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